Heidelberger FrühlingZwischen Volks- und Kunstlied
Von Iván Paley
In unserem Programm finden sich “Wunderhorn”-Lieder, die in der Mehrzahl Volkslieder sind und nach jahrhundertealten Texten entstanden. Die Möglichkeit, an einem Abend Volks- und Kunstlieder zu verbinden, ist ungemein reizvoll.
Das deutsche Lied ist eine Erzählung, die in zwei unterschiedlichen Formen stattfinden kann. Alles formt sich so, wie die Musik mit dem Text umgeht. Ein Komponist, ein kreativer Menschen also, der einen Text in seine Hände bekommt, hat zwei oder mehrere Möglichkeiten, mit diesem Text etwas zu machen - philosophisch, hochtrabend-kompliziert oder simpel und schlicht. Ein Volkslied entsteht nicht, weil der Text volkstümlich ist, sondern weil der Komponist den Text so sieht und spürt. In diesem Fall wird ein Volkslied geboren. Unser Programm versucht, kontrastreich diese beiden Stilformen, diese zwei Welten zu verbinden.
Die Musik von Gustav Mahlers “Wunderhorn”-Liedern spiegelt sich sehr deutlich in den Sinfonien Nr. 2, 3 und 4 wider; des Komponisten religiöse Erfahrungen aus seiner Jugend sind vor allem in die 3. und 4. Sinfonie eingeflossen, wo ein Kinderchor (“Es sungen drei Engel”) mit größtmöglicher Reinheit singen soll und im Schlußsatz der Vierten (“Wir genießen die himmlischen Freuden”) ein Kind von seinen Visionen vom Paradies erzählt. Dieses ist eines von den beiden “Wunderhorn”-Liedern, die sich in unserem heutigen Programm finden. Das andere ist “Revelge” - eine späte, reife “Wunderhorn”-Komposition voll von bitterem Sarkasmus, deren dynamisches Spektrum vom expressiven Aufschrei bis zu fahlen, ersterbenden Lauten reicht. Mahler sagte darüber, daß dieses Lied sein ganzes Wesen beinhalte. Wer es versteht, begreift den Komponisten in seiner Gesamtheit. Die Anklänge an Militärmusik in diesem Stück verstehen sich aus des Komponisten früher Affinität zu diesem Genre. In Iglau lief er als Knabe einer Militärbanda hinterher, um die Töne der Trommeln, Trompeten und Flöten zu hören. Diese Musik hat ihm imponiert - in fast allen seiner Kompositionen ist der Nachhall dieser Begeisterung zu finden.
Was Rückert für Mahler bedeutete, war Eduard Mörike für Hugo Wolf. Der Komponist nahm des Dichters Gedanken auf und kreierte daraus das Kunstlied - eine philosophische Welt, die hochkomplex und harmonisch ist. In der Textbehandlung gibt es zwischen Mahler und Wolf bedeutende Unterschiede. Bei Wolf hat jede Note, jeder Takt eine Bedeutungsebene. Als Interpret muß man hier im Gegensatz zu Mahler, wo man das Stück als Ganzes zu sehen hat, das Lied beinahe zerstückeln, um mehrere versteckte Bedeutungen und Botschaften zu entdecken. Wolf gibt dem Hörer die Möglichkeit, das zu verstehen, was er verstehen möchte. Bei Mahler ist alles offen und klar wie in einem aufgeschlagenen Buch - seine Gedanken, Gefühle und Träume. Bei Wolf ist alles versteckter, vom Komponisten so platziert, daß man sich anstrengen muß, weil eben nicht alles auf dem Tablett präsentiert wird.
Der dritte Komponist unseres Programmes ist Robert Schumann, aus dessen reichem Liedschaffen wir zwei Zyklen vorstellen. “Myrten” op. 25 war des Komponisten Hochzeitsgeschenk für Clara Wieck, die er nach einer schwierigen und schmerzhaften Trennungsphase - ausgelöst durch den Einspruch ihres Vaters Friedrich Wieck, der die Verbindung seiner Tochter mit dem jungen Komponisten nicht akzeptieren wollte - 1840 endlich heiraten konnte. Die Gefühle und Erfahrungen dieser beiden außergewöhnlichen Menschen spiegeln sich in den Briefen eindrucksvoll wider. Die Sammlung ist ein faszinierendes und ergreifendes Zeugnis über die Kraft der Liebe, die selbst in schwierigsten persönlichen Situationen den Menschen ihren unerschütterlichen Glauben und die Hoffnung an den Sieg des Guten zu geben vermag.
Der zweite Zyklus heißt “Liebesfrühling” und ist ein ganz besonderer, denn er wurde von Schumann gemeinsam mit seiner Frau Clara komponiert. Nach der Heirat und dem produktiven Schaffensjahr 1840 hatte Schumann sich entschlossen, die große Pianistin Clara Schumann als Komponistin in ein gemeinsames Projekt einzubinden. Dieses war “Liebesfrühling” - ein Zyklus von zwölf Liedern auf Texte von Friedrich Rückert. Ein sehr bedeutungsvolles Lied daraus, das wir auch heute singen werden, ist “Der Himmel hat eine Träne geweint” - nicht nur wegen seiner schlichten Kantabilität, sondern auch wegen seiner Botschaft. Es eröffnet den Zyklus; und die Worte
“Der Himmel hat eine Träne geweint. Sie hat sich ins Meer verlieren gemeint. Die Muschel kam und schloß sie ein: 'Du sollst meine Perle sein.'”
haben eine sehr symbolische Bedeutung. Nach meiner Sicht vertritt die Muschel Schumann mit seiner reichen kompositorischen Erfahrung und schützt Claras vier Lieder, die quasi als Perlen in den Zyklus eingefügt sind. Ein weiteres Lied - ein kurzes Stück von knapp einer Minute Dauer - nennt sich “Schön ist das Fest des Lenzes”. Hier finden sich beide Stimmen - Claras und Roberts - im Jubelton des nahenden Frühlings zusammen, um den Beginn der Liebe in einem wunderbaren Kanon zu feiern. |