Ivan Paley

Gustav Mahler intim – eine Ersteinspielung

Kritik von Boris Michael Gruhl, 28.02.2006

Ungewöhnlich auf jeden Fall. Authentisch auch. Gustav Mahlers persönlichstes Werk – so schreibt er in einem Brief – ‘Das Lied von der Erde’ für Tenor, Bariton und Klavier. Im Gegensatz zur inzwischen öfter zu hörenden Bearbeitung des Werkes für Solisten und Kammerensemble durch Arnold Schönberg hört man zumindest als Einspielung diese Fassung hier zum ersten Mal. Von daher, aber nicht nur wegen der Premiere, eine wichtige und empfehlenswerte Neuerscheinung, nicht nur für die verschworene Mahler-Gemeinde.
‘Das Lied von der Erde’ – zunächst als ‘Trinklied vom Jammer dieser Erde’ konzipiert, das Eingangsstück gleichen Titels hätte dann das ganze Werk benannt, ist eine groß angelegte Komposition für zwei Singstimmen und Orchester. Die Texte entstammen der Lyriksammlung ‘Die Chinesische Flöte’, in deutscher Nachdichtung Hans Bethges. Am Ende nannte Mahler sein Werk ‘Sinfonie für Tenor, Alt oder Bariton und Orchester’. Die Fassung für Tenor und Alt hat sich scheinbar durchgesetzt, und gerade für die Sängerin halten die Stücke viele Möglichkeiten bereit, den weich strömenden Fluss der Stimme mit lyrischer Gestaltungskraft zu verbinden. Dem Tenor werden sowohl lyrische, als auch dramatische bis heldische Qualitäten abverlangt, ist ihm das Charakterfach nicht ganz fremd, erfüllt er auf ideale Weise die Voraussetzungen für die Interpretation seines enormen Parts. Mahler verarbeitete in diesem berührenden und aufwühlenden Werk persönliche tragische Erfahrungen. Nicht zu unrecht kann der mit fast 30 Minuten Länge sehr weit dimensionierte letzte Satz ‘Abschied’ auch als Sehnsucht nach dem eigenen Tod oder als komponierte Vorahnung desselben gedeutet werden.

So groß dieses Werk geraten ist, so vielfarbig die Sprache des Orchesters, so kammermusikalisch ist es aber auch in seiner Transparenz. Von sehr intensiver Wirkung kann daher die in letzter Zeit öfter zu hörende Fassung für Kammerensemble sein. Die hier erstmals eingespielte Fassung für Tenor, Bariton und Klavier stammt vom Komponisten selbst, aufgeführt hat er sie selber nie, so ist auch kein Urteil von ihm darüber bekannt.

Bislang gab es kaum Möglichkeiten diese Version zu hören. In der Gustav Mahler Song Edition des Labels ‘telos music vocal’ liegt nun als zweite Produktion eine komplette Aufnahme vor. Der amerikanische Tenor Robert Dean Smith, er gab im letzten Sommer sein Debüt als Tristan bei den Bayreuther Festspielen, hat den Tenorpart übernommen. Die Baritonpartie singt der Argentinier Iván Paley, den aufwändigen Klavierpart spielt Stephan Matthias Lademann. Unter dem Titel ‘Mein Herz ist müde’ hat Iván Paley einen einfühlsamen und informativen Text für die insgesamt sehr angemessen und geschmackvoll ausgestattete Ausgabe geschrieben.

Der Versuchung, eine Orchesterfassung zu imitieren, sind die Interpreten nicht erlegen, auch wenn zunächst der gesangliche Duktus des Tenors im Wiederspruch zum auf Intimität und Feinheit bedachten Klavierspiel zu stehen scheint. Der erste Eindruck bleibt nicht. Er mag der Ungewöhnlichkeit des Hörerlebnisses geschuldet sein. Von den wüst liegenden Gärten der Seele weiß Robert Dean Smith berührend zu singen, die nicht gerade angstfreie Stimmung vor der zitierten Dunkelheit des Lebens und des Todes kann er verbreiten. Für die Klänge der Tiefe existenzieller Angst- und Abschiedserfahrungen hat sein Tenor die nötigen Farben und Schattierungen. Tatsächlich verbindet er heldische Attacken mit sehr lyrischen Passagen und spart, wenn es sein muss, nicht an charakterlicher Schärfe.

Iván Paley gestaltet die Müdigkeit des Herzens mit hauchzarten Pianotönen und besingt berührend die Tränen der Einsamkeit. Aber er hat auch die stärkeren Töne des Aufbegehrens. Dabei verfällt er nicht in reine Schöngesangsmanier, hat auch den Mut zu schroffen Tönen, insgesamt aber bleibt er dem Gestus sehr persönlich gehaltenen romantischen Liedgesanges verpflichtet.
Im Lied ‘Der Trinker im Frühling’ gelingen dem Tenor die Stimmungswechsel überzeugend. Für den abschließenden Satz ‘Der Abschied’ verfügt der Bariton über Farben und Schattierungen um den Bogen von den einleitenden Naturschilderungen über die Schilderung individueller Einsamkeits- und Abschiedserfahrungen bis hin zum entsagenden, verhauchenden Übergang aus dem Abendlicht verschwindender Natur in ewig lichtblaue Fernen ohne Wiederkehr.

Das Spiel des Pianisten Stephan Matthias Lademann ist von unaufdringlicher Intensität geprägt, wodurch besonders der intime Charakter dieser Fassung gewahrt bleibt. Mit geradezu zärtlicher Tongebung wiegt er im letzten Satz die Welt in den Schlaf, überhaupt ist hier seine feisinnige Abstufung zu bewundern, durch die er die Dynamik der musikalischen Melancholie des weiten Spannungsbogens über gut 30 Minuten zu halten vermag. Harte Klänge, schneidende Töne, scheut er nicht, Sentimentalität, Schwulst oder Gefühligkeit hingegen sind ihm fremd. Neben etlichen Aufnahmen von Mahlers ‘Das Lied von der Erde’ die mich seit Jahren begleiten und mir ans Herz geklungen sind, möchte ich diese Aufnahme ebenfalls nicht mehr missen.

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