Ivan Paley

Die Klavierfassung

Wer meint, Mahler hätte ausschließlich sinfonisch gedacht, kennt vermutlich des Komponisten Erfahrungen als Pianist nicht. “Das Lied von der Erde” ist ein großes sinfonisches, aber ebenso ein sehr transparentes und kammermusikalisches Werk. In seinen frühen Jahren hat Mahler auf dem Gebiet der Kammermusik reiche Erfahrungen gesammelt und da insbesondere auch mit dem Klavier als Instrument, als er jahrelang in verschiedenen Theatern (Kassel, Leipzig, Prag) als Korrepetitor und Kapellmeister tätig war. Er hatte sogar als junger Komponist in früher Zeit in Wien die Reduktion einer Bruckner-Symphonie für zwei Klaviere erstellt.

Mahlers Intention, seine Musik aus verschiedensten Blickwinkeln zu betrachten, spiegelt sich deutlich und häufig in seinem Interesse wider, einerseits seine Musik sowohl für großes Orchester als auch in der kammermusikalischen Form des Liedes erklingen zu lassen (“Des Antonius von Padua Fischpredigt”, “Urlicht”) und andererseits Klavierlieder wie die “Rückert-” oder “Kindertotenlieder” auch für Orchester zu setzen. Ein Grund für die Klavierfassungen dürfte aber auch darin bestanden haben, diese Lieder wegen ihres sehr intimen Charakters auch im familiären Kreis aufführen zu können. Ob er “Das Lied von der Erde” am Klavier selbst begleitet oder gern gespielt hätte, ist schwer auszumachen. Nach meiner Meinung hatte Mahler mit dieser Version ein durchaus eigenständiges Werk schaffen wollen, das wegen seines Reichtums an unterschiedlichen Temperamenten, Farben und Ausdrucksnuancen gleichberechtigt neben der Orchesterfassung stehen sollte. Es dürfte sich mit Sicherheit hierbei nicht um eine reine Übungssache gehandelt haben. Leider sind viele Fragen offen geblieben, da Mahler das Werk nie selbst hören konnte. Ich bin mir ziemlich sicher, dass er - wenn er mehr Zeit gehabt und die schwache Herzkondition sein Leben nicht so schnell beendet hätte - wohl in der Lage gewesen wäre, die Eintragungen aus der im Schaffensprozeß weit fortgeschritteneren Orchesterfassung in die für Klavier zu übertragen.

Wie Stephen E. Hefling in seinem Vorwort zur kritischen Ausgabe bei der Universal Edition betont, müsste man als Interpret dieser Fassung die nicht übertragenen Tempo- und dynamischen Bezeichnungen berücksichtigen und mit Zurückhaltung in den Gesang und die Begleitung einbringen. Da die Ecksätze der Komposition viel orchestraler gedacht sind und im Gegensatz zu den von Mahler sehr weit ausgeführten und viel liedhafter konzipierten mittleren Stücken wenig dynamische und Phrasierungsangaben aufweisen, welche aber alle in der Orchesterfassung zu finden sind, sollte man als Interpret diese sehr gut kennen und für das Studium heranziehen.

Es wäre schade, wenn Mahlers großartige populärere Orchesterfassung die vom Komponisten selbst gewollte kammermusikalisch intime Version in den Schatten stellen würde. Die Einspielung in unserer Gustav Mahler Song Edition soll dazu beitragen, dieser faszinierenden Alternative einen verdienten Platz - auch in den Konzertsälen - einzuräumen.

“Mein Herz ist müde”

Zu seinem 48. Geburtstag am 7. 7. 1908 empfängt Mahler von Herrn T. Pollak, einem Freund des Komponisten, ein kleines Büchlein mit chinesischen Gedichten in H. Bethges deutscher Übersetzung. Man kann sich ausmalen, welchen Eindruck diese Poesie auf Mahler gemacht haben muss, dass sie in ihm spontan den Wunsch auslöste, diese Texte vertonen zu wollen - und das nach einem Werk wie der 8. Sinfonie oder dem Universum der “Wunderhornlieder”! Wenn man sich fragt, warum Mahler gerade diese Texte auswählte, so ist die Antwort vor allem die, daß er in ihnen eine neue Dimension sah und die Möglichkeit, diese Verse nach seinen eigenen Vorstellungen zu formen. Seine Vertonung dieser Lyrik wollte er zunächst “Gruppe von sinfonischen Liedern” nennen. Der Titel des ersten Stückes, “Das Trinklied vom Jammer der Erde”, sollte anfangs sogar für das gesamte Werk stehen, doch entschied sich der Komponist dann doch für die Bezeichnung “Sinfonie für Tenor, Alt oder Bariton mit Orchester”.

Mahler zeigt im “Lied von der Erde” im Unterschied zur 8. Sinfonie - dem vorangegangenen Werk - einen ganz anderen musikalischen Charakter. Er nennt das Werk in einem Brief “...wohl das Persönlichste..., was ich bis jetzt gemacht habe”, weil darin sein Innerstes, sein Verborgenstes zum ersten Mal wirklich herauskommen sollte wie in einem aufgeschlagenen intimen Tagebuch. Sein seelischer Zustand war fragiler, gefährdeter als 1906, als er die 8. Sinfonie komponierte, die er als “das Größte, was ich bisher gemacht habe” bezeichnete. Mahler hatte wohl panische Angst, die neue Komposition als seine 9. Sinfonie zu bezeichnen, weil Beethoven, Schubert, Bruckner und Dvorák neun Sinfonien geschrieben hatten und danach gestorben waren. So nannte er das Werk “Das Lied von der Erde - Sinfonie für Altstimme (oder Bariton) und Tenor und Orchester”, ein Titel, der laut Alma aus “reiner Unsicherheit” entstand. Ist diese Formulierung übertrieben? Können wir in diesem Punkt Alma Mahler überhaupt Glauben schenken?

Warum ist die 8. Sinfonie “das Größte” und das “Lied von der Erde” “das Persönlichste”? Beide Werke sind zwei ungemein wichtige, doch absolut verschiedene Kompositionen. Jemand, der mit klassischer Musik nur wenig vertraut ist und “Veni creator spiritus” aus der 8. Sinfonie sowie “Der Einsame im Herbst” aus dem “Lied von der Erde” vorgespielt bekäme, würde kaum annehmen, daß beide Stücke von einem Schöpfer stammen. Die 8. Sinfonie komponierte er sehr rasch und schrieb in einem Brief: “... Ich habe ... noch nie unter solchem Zwange gearbeitet ... es war wie eine blitzartige Vision - so ist das Ganze sofort vor meinen Augen gestanden und ich habe es nur aufzuschreiben gebraucht, so, als ob es mir diktiert worden wäre...”

Das “Lied von der Erde” entstand in einer ganz anderen Lebenssituation. 1907 hatte er durch drei gewaltige Schicksalsschläge unglaublich tragische Erfahrungen machen müssen. Da war der Tod seiner geliebten Tochter Maria (Putzi), was zur Folge hatte, daß auch Mahler sich untersuchen ließ und dabei ein Herzklappenfehler entdeckt wurde.

Um uns Mahlers Zustand und seine Situation vor Augen zu führen, zitieren wir ausschnittweise den ersten Brief an seine Frau Alma eine Woche nach Putzis Tod. Darin schreibt er freilich nur über die Annehmlichkeiten im Hotel Imperial Wien, die “köstliche Fahrt, die wunderbare Zeit” und “leider bist Du nicht dabei” - er war unfähig, über den Tod der Tochter zu sprechen. Der dritte Schlag war das Ende seiner Zusammenarbeit mit der k.u.k. Wiener Hofoper; mit seiner Demission als Direktor dieses Institutes 1907 war die große Ära Mahler an diesem Hause beendet. Wenn danach auch viele verlockende Angebote von der New Yorker Met und dem New York Philharmonic Orchestra kamen, die ihm finanziell weit bessere Konditionen anboten, so war das Ende in Wien dennoch ein schwerer Schicksalsschlag, denn er liebte die Stadt und tat sich ungemein schwer, sie verlassen zu müssen.

All diese Ereignisse im Jahre 1907 haben Mahlers Leben und Wesen in den Grundzügen verändert. Er war ein anderer Mensch geworden, viel ängstlicher als zuvor, der seinen Puls kontrollierte, nicht mehr im See schwamm, seine Spaziergänge einschränkte, auf denen doch so wunderbare Ideen und Skizzen für seine Sinfonien entstanden waren. Der “Abschied”, das letzte Stück im “Lied von der Erde”, ist Sehnsucht und Vorahnung seines eigenen Todes.

Über die Entstehung des Werkes, dessen Skizzen alle vom August 1908 datiert sind, gibt es nicht so viele Berichte, kaum Notizen über den Kompositionsverlauf. Nur eine einzige Bemerkung an Alma ist erhalten: “Ich bin soweit fertig, daß ich nur einen kleinen Umzug habe.” Die introvertierte Art Mahlers, seinen kompositorischen Prozess kommentarlos durchzuführen, spiegelt sein Wesen und seine Befindlichkeit sehr klar wider, zeigt auch deutlich die Konflikte des veränderten Menschen Gustav Mahler. Er hat sich an die Vergangenheit geklammert mit ihren guten und schlechten Ereignissen, hatte aber auch die Ewigkeit im Blick. Vergangenheit und Zukunft sind in diesem Werk zu einer neuen Dimension vereint. Jedesmal, wenn ich an dessen Gesamtidee denke, die Texte lese, die Musik höre oder sie interpretiere, kommen mir Sachs' Worte “Es klang so alt und war doch so neu” in den Sinn.

© Ivan Paley

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