Ivan Paley

Des Knaben Wunderhorn - ein Universum

Der Komponist und seine literarische Welt

Gustav Mahler hat Bücher Zeit seines Lebens geliebt; Literatur war ihm von größter Wichtigkeit. Bereits in seiner Jugend besaß er eine große Büchersammlung, die später, was man seinen Briefnotizen entnehmen kann, von riesigem Ausmaß gewesen sein muß. Leider ist von dieser Bibliothek nichts übrig geblieben, da seine Frau Alma alles zurücklassen mußte, als die Nazis 1938 in Wien einfielen. Was allerdings die Menschen seiner Zeit lasen, was also gerade Mode war, interessierte ihn nicht sonderlich. Mahler las überwiegend, was seinen persönlichen Vorlieben entgegenkam. Er war eher konservativ in der Auswahl seiner Lektüre, anders als beispielsweise der geradezu avantgardistische Richard Strauss, der die neuen Werke der Zeitgenossen für seine Kompositionen nutzte - beispielsweise Gedichte von Dehmel für seine Lieder sowie Theaterstücke seines späteren Lieblingslibrettisten von Hofmannsthal für seine Opern. Mahler kannte dessen Dramen nicht und reagierte indigniert, als er erfuhr, dass aus Sophokles' “Elektra” eine Oper werden sollte. Er empfand das als einen unwichtigen Stoff, während er vor “Salome” großen Respekt hatte und alles versuchte, um die Oper in Wien zur Aufführung zu bringen. Aber auch hier hielt er vom Text wenig. Lediglich in einigen Briefen aus seiner Jugendzeit finden sich Äußerungen über Shakespeare und die griechische Mythologie; man weiß auch, dass Goethe für ihn eine große Bedeutung hatte (obwohl er nie eines seiner Gedichte vertonte) und in seinem kleinen, asketisch eingerichteten Komponierhäuschen in Maierningg der “Faust” neben einer Sammlung der Gedichte Goethes stand.

Mahlers Briefe zeichneten sich bis zuletzt durch einen sehr poetischen Stil aus: sie beinhalteten nicht nur irgendwelche sachlichen Informationen, sondern waren darüber hinaus auch literarische Zeugnisse - Ergebnis seiner fortwährenden intensiven Beschäftigung mit der Dichtung. Aus vielen solchen Dokumenten, in denen man auch eine depressive Haltung des Komponisten erkennen kann, geht hervor, dass er die Gedichte Wilhelm Müllers gut kannte; auch die Romane von Dostojewski, die er in seiner Jugend las, sowie die Geschichten Jean Pauls spielen eine große Rolle und weisen viele Gemeinsamkeiten mit den “Wunderhorn”-Liedern auf. Der “Revelge”-Text beispielsweise ist durchaus vom Schlage der Paulschen Abhandlungen über Krieg und Kämpfe. In Mahlers Liedschaffen bilden sich in zwei großen Blöcken die “Wunderhorn-” und die “Rückert-Lieder” heraus. Das ist insofern ungewöhnlich, da sich alle anderen Liedkomponisten verschiedenen Dichtern zugewandt haben. Einzig Hugo Wolf ist in der Auswahl der Gedichte mit Mahler vergleichbar: Was Mörike für Wolf, sind Rückert und Brentano für Mahler. Ersterer hat in seinem “Spanischen” und “Italienischen Liederbuch” ähnlich schlichte und volkstümliche Gedichte vertont wie Mahler in den “Wunderhorn”-Liedern, die er vermutlich in Wien entdeckte, als er 20 Jahre alt war.

Die Musik der “Wunderhorn”- Lieder

Eine wichtige Basis für die “Wunderhorn”-Kompositionen sind die “Lieder eines fahrenden Gesellen” - Mahlers erste Erfahrung mit dem Genre überhaupt. Als er 1885 an diesem Zyklus arbeitete, hatte er sich bereits intensiv mit den “Wunderhorn”-Texten beschäftigt. So ist “Wenn mein Schatz Hochzeit macht” ursprünglich ein solcher, der dann vom Komponisten bearbeitet wurde. Überhaupt hat Mahler den Originaltext häufig verändert, gern noch an der literarischen Vorlage gefeilt und zu dieser stets auch seinen eigenen Kommentar abgegeben. Das funktionierte perfekt, weil die “Wunderhorn”-Gedichte von anonymer Hand stammten. Obwohl sich der Komponist in seinen Briefen selten über Schubert geäußert hat, kannte er ganz gewiß dessen Zyklen, die gleichfalls als Vorbild für die irdischen “Wunderhorn”- Gesänge gelten können.

Anders als bei Brahms, der erst spät mit dem Komponieren von Sinfonien begann, sind Mahlers Lieder in ihrem thematischen Gefüge und melodischen Aufbau eng mit seinem sinfonischen Schaffen verknüpft. So sind in die 1. Sinfonie einige Themen aus Mahlers erstem Liedzyklus “Lieder eines fahrenden Gesellen” eingegangen. Die Musik der “Wunderhorn”-Lieder spiegelt sich sehr deutlich in den Sinfonien Nr. 2, 3 und 4 wider, die deshalb auch “Wunderhorn-Sinfonien” genannt werden. Im 3. Satz der Zweiten finden wir quasi die Instrumentalfassung von “Des Antonius von Padua Fischpredigt”. Mahler komponierte diesen Text aber gleichzeitig auch als Klavier- und Orchester-Lied; somit “zeigt” sich uns “Antonius” in drei Gestalten. Ähnlich verhält es sich mit dem “Urlicht”, dem Alt-Solo der 2. Sinfonie, das sich ebenfalls in der “Wunderhorn”-Sammlung findet. Es ist das Credo des Komponisten (“Ich bin von Gott und will wieder zu Gott!”), der bereits in seiner Kindheit durch die Familie sehr religiös geprägt und bekanntermaßen im Religionsunterricht ein außergewöhnlich begabter Schüler war. Das “Urlicht” offenbart viel von seinen Hoffnungen, aber auch Illusionen. Zeigt die groteske “Fischpredigt” Mahlers scharfen Humor, ist “Urlicht“ ein Gebet und die vollkommene musikalische Umsetzung des Glaubens. Die religiösen Erfahrungen aus Mahlers Jugend sind auch in die 3. und 4. Sinfonie eingeflossen, wo ein Kinderchor (“Es sungen drei Engel”) mit größtmöglicher Reinheit singen soll und im Schlußsatz der Vierten (“Wir genießen die himmlischen Freuden”) ein Kind von seinen Visionen vom Paradies erzählt. In seinen Sinfonien wollte Mahler ein ganzes Universum mit einbeziehen, eine neue Welt schaffen, die Natur erstehen lassen. Als der Komponist einmal bei einem Volksfest war und die schreienden, lachenden Kinderstimmen wahrnahm, meinte er, dass dies Polyphonie sei. Nichts sei organisiert, alles sei Natur und Leben. Die Betrachtung der Natur gehörte zu den wichtigsten Seiten seines Wesens. Ständig stellte er sich philosophische Fragen: Warum sind wir auf der Welt? Wohin geht die Reise? Was passiert nach dem Leben? So ist der letzte Satz in der 2. Sinfonie vielleicht die bedeutendste Äußerung überhaupt: “Sterben werd ich, um zu leben!” Für ihn hatte die Frage über das Leben nach dem Tod allergrößte Bedeutung. Mahler beobachtete, sah und hörte Dinge in der Natur, bevor er sie in Musik setzte. Auch das Kindergeschrei, welches er vernahm, verwandelte er in Musik. Überhaupt wollte er alles in Klänge transformieren, wie es aus der 3. Sinfonie “Was mir die Berge und Blumen erzählen” auf wundersame Weise zu entnehmen ist.

Jede dieser drei Sinfonien ist eine Welt für sich, doch eine noch größere - quasi eine Galaxis - ist das “Wunderhorn”-Thema, das Mahler den Impuls für seine Vertonung gegeben hat. Am aufschlußreichsten sind die beiden letzten Lieder, “Revelge” und “Tamboursg'sell”: Es sind späte, reife “Wunderhorn”- Kompositionen. Über “Revelge” sagte Mahler, dass dieses Lied sein ganzes Wesen beinhalte - eine ähnliche Aussage, wie sie Beethoven früher über den 1. Satz seiner Neunten getroffen hatte. Die Anklänge an Militärmusik in diesem Stück verstehen sich aus des Komponisten früher Affinität zu diesem Genre. In Iglau lief er als Knabe einer Militärbanda hinterher, um die Töne der Trommeln, Trompeten und Flöten zu hören. Diese Musik hat ihm imponiert - in fast allen seiner Kompositionen ist der Nachhall dieser Begeisterung zu finden.

Gefühle sollten in seiner Musik wie klares Wasser sein und von allen verstanden werden. Er wollte in seinen Werken keine poetischen Spielereien haben, sondern einzig Klarheit sollte herrschen. Eine große Bedeutung haben die Kriegslieder; Mahler war äußerst sensibel, identifizierte sich sehr stark mit den Kriegsopfern seiner Zeit und zeigte viel Mitgefühl mit der leidenden Kreatur. Außer ihm haben auch Brahms, Strauss, Schumann, d'Albert und Streicher “Wunderhorn”-Texte vertont; aber keiner dieser Komponisten hat eine ähnlich universelle Ausdrucksskala erreicht, wie sie Mahler in diesen 24 Liedern gelungen ist.

“Des Knaben Wunderhorn” in einer programmatischen Ordnung

Als wir uns zum ersten Mal über das Projekt einer Gesamtaufnahme dieser Lieder Gedanken machten, wurde auch die Frage der Reihenfolge aufgeworfen. Da Mahler selbst eine solche nicht bestimmt hatte und keine durchgängig erzählte Geschichte eine Reihenfolge zwingend machte, entschieden wir uns für eine Gruppierung nach Themen:

Kinder und Jugend • Abschied und Trennung • Aus der Natur • Leben und Tod

Warum diese Idee? Wir meinen, dass sich Mahlers Welt mit seinem Credo auf diese Weise am eindrücklichsten widerspiegeln lässt. Unsere Gruppierung bringt, so hoffen wir, auch für den Hörer eine größere Klarheit. Sie könnte helfen, den musikalischen Reichtum, alle Farben und Facetten - kurzum alles, was diese wunderbare Musik zu vermitteln vermag - besser zu begreifen. Als nicht ideal empfanden wir eine chronologische Abfolge. Mahler schrieb viele Lieder spontan während der Arbeit an einer seiner ersten vier Sinfonien; zu seinen Lebzeiten hat er vier oder fünf Lieder aufgeführt, aber nie die ganze Sammlung, weil er sie als nicht zusammengehörig empfand. Zwölf Jahre arbeitete er daran, begann sie 1889 mit 25 Jahren und beendete sie im Jahre 1901 mit “Revelge” und dem “Tamboursg'sell”. Der Mensch verändert sich durch das Erleben von Freud und Leid - bei Mahler erinnern wir in diesem Zusammenhang an seine Liebe zu Alma und an den Tod seiner Tochter.

Die Besetzung unserer Aufnahme

Man kann von dieser Komposition mehrere Orchesterversionen mit zwei Sängern hören: Schwarzkopf/Fischer-Dieskau, Baker/Evans, Popp/Weikl, Murray/Allen, Ludwig/Berry etc. Wir wollten eine kammermusikalische Form realisieren, die vor allem die Dialoge in den ausdrücklich als Zwiegespräch komponierten Liedern (zwischen Gefangenem und Mädchen, Mädchen und Bub oder Husar und Mädchen) mehr berücksichtigt und vielleicht neue Einsichten und Farben bringt. Obwohl wir wissen, dass es nicht Mahlers ausdrücklicher Wunsch war, die Lieder mit zwei Stimmen zu besetzen, gibt es doch in vielen zwei Charaktere und eine wechselseitige Kommunikation. Wir erinnern auch daran, dass Mahler zwar nicht mit der Tradition brechen wollte, aber dennoch stets versuchte, neue Ideen in ein Werk einzubringen, wie er es auch selbst bei anderen Komponisten getan hat, beispielsweise mit den Uminstrumentierungen der 3. und 9. Sinfonie Beethovens oder der Bearbeitung von Schuberts Streichquartett “Der Tod und das Mädchen”. Was die Begleitung betrifft, entschieden wir uns für eine intimere Variante, eingedenk der Tatsache, dass Mahler die Klavierfassung der “Wunderhorn”-Lieder durchaus als ein individuelles, eigenständiges Werk betrachtet hat.

Iván Paley

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