Ivan Paley

Mit “Natur und nichts als Natur” beschreibt der junge Mann den Blick auf Kassel und Umgebung aus dem Fenster seiner Wohnung in der Wolfsschluchtstraße 13. Die Stadt zählte damals nur 62000 Einwohner, bot viel Grün und war überhaupt reich an herrlicher Natur. Genau das war es, was Gustav Mahler schauen und beobachten wollte. Zum ersten Mal in seinem Leben waren viele Dinge zusammen gekommen - Lieben und Leiden, ein großes Opernhaus, als dessen 2. Kapellmeister er arbeiten durfte (wenn auch belastet mit allen Problemen und Sorgen, die der privilegierte Erste vermied, und verpflichtet, Vorstellungen zu dirigieren, welche der andere abgelehnt hatte), und erstmals ein eigenes Werk, das aus dieser komplexen Situation entstanden war: die “Lieder eines fahrenden Gesellen”.

Hier in Kassel - in einer Zeit mit vielen neuen Herausforderungen und Erfahrungen - ist sicherlich sein eigentlicher kompositorischer Schaffensprozeß geboren worden. Vom biographischen Aspekt war diese Station für den jungen Musiker außerordentlich wichtig; obwohl er “nur” als 2. Kapellmeister beschäftigt war, konnte er hier doch erstmals die Arbeit an einem großen Haus kennenlernen. Und neu für ihn war auch dieses Gefühl des Leidens, ausgelöst durch seine Liebe zu Johanna. Wer war diese Frau? Und wie entstand diese plötzliche Liebe? Mahler schrieb mehrere Gedichte für seine Geliebte, darunter sechs in Verbindung mit Themen aus seiner Lieblingssammlung “Des Knaben Wunderhorn”. Vier davon vertonte er und faßte sie später zum Zyklus “Lieder eines fahrenden Gesellen” zusammen. Der Titel geht auf das vierte Lied zurück: “Die zwei blauen Augen von meinem Schatz, die haben mich in die weite Welt geschickt”. Man hört in diesen Klängen viel Schubert und Wilhelm Müller, denn Mahler kannte diese Lieder natürlich sehr gut. Aber man spürt auch das Leid, das durch seine unglückliche Liebe zu Johanna ausgelöst wurde. Vielleicht deswegen wollte Mahler die Stadt verlassen, sicher auch wegen all der schmerzlichen Prozesse, die er in Kassel durchleben mußte. Er bat sogar um eine vorfristige Lösung seines Vertrages, die ihm auch gewährt wurde.

Uraufgeführt wurden die “Lieder eines fahrenden Gesellen”, deren erste Skizzen noch auf die Zeit vor Kassel zurückgehen und dann in der Stadt selbst vollendet wurden, in Prag. Wie immer bei Mahler spielt auch in diesen Liedern die Natur eine bedeutende Rolle. Er schreibt: “Ich habe einen Zyklus Lieder geschrieben, die alle ihr gewidmet sind. Die Lieder sind so zusammen gedacht, als ob ein fahrender Gesell, der ein Schicksal gehabt, nun in die Welt hinauszieht und so vor sich hin wandert.” Das erste Lied, “Wenn mein Schatz Hochzeit macht”, befindet sich eigentlich in der “Wunderhorn”-Sammlung und wurde vom Komponisten im Text leicht verändert. Das vierte, “Die zwei blauen Augen”, repräsentiert eines der ersten Zustands-Werke in Mahlers Oeuvre, wo sich seine tiefe Melancholie und rauschhafte Traurigkeit erstmals offenbaren. Eine enge Verbindung dieses Zyklus gibt es auch zur Ersten Symphonie.

Von den “Liedern eines fahrenden Gesellen” ergibt sich eine direkte Verbindung zum nächsten Schwerpunkt unseres Programmes - Beispielen aus dem Zyklus “Des Knaben Wunderhorn” -, denn die “Gesellen”-Lieder waren dafür eine wichtige Basis. In die “Wunderhorn”-Lieder nahm Mahler soviele Themen wie möglich auf, um seine musikalischen Gedanken und Einfälle zu äußern. Hier erklingen aber nur die in Kassel komponierten Stücke; es sind jene mit subtilem Humor und Naturanklängen, welche er in seiner Musik hören wollte, so bei der “Ablösung im Sommer”, wo ein grotesker Streit zwischen Kuckuck und Nachtigall so glänzend ironisch vertont wurde. Militärklänge, die Mahler schon als Kind so fasziniert haben, hört man bei “Zu Straßburg auf der Schanz” oder “Wo die schönen Trompeten blasen”.

Es folgen einige Titel aus Brahms “Deutschen Volksliedern”, die vor allem wegen ihrer Schlichtheit und Originalität beeindrucken. Einige der Lieder sind Originalvertonungen von Brahms, andere entstanden durch des Komponisten Bearbeitung von volkstümlichen Melodien. Eine Besetzung dieser Sammlung mit zwei Sängern bietet sich an, da es darin auch kleine Dialoge und Szenen zwischen Bub und Mädchen oder zwischen zwei Liebenden gibt.

Die Verbindung von Mahler zu Hugo Wolf, aus dessen “Möricke-Liedern” zum Abschluß unseres Programmes eine Auswahl erklingt, ergibt sich durch beider Darstellung der Natur. Was Rückert für Mahler bedeutete, war Eduard Mörike für Hugo Wolf. Der Komponist nahm des Dichters Gedanken auf und kreierte daraus das Kunstlied - eine philosophische Welt, die hochkomplex und harmonisch ist. In der Textbehandlung gibt es zwischen Mahler und Wolf bedeutende Unterschiede. Bei Wolf hat jede Note, jeder Takt eine Bedeutungsebene. Als Interpret muß man hier im Gegensatz zu Mahler, wo man das Stück als Ganzes zu sehen hat, das Lied beinahe zerstückeln, um mehrere versteckte Bedeutungen und Botschaften zu entdecken. Wolf gibt dem Hörer die Möglichkeit, das zu verstehen, was er verstehen möchte. Bei Mahler ist alles offen und klar wie in einem aufgeschlagenen Buch - seine Gedanken, Gefühle und Träume. Bei Wolf ist alles versteckter, vom Komponisten so platziert, daß man sich anstrengen muß, weil eben nicht alles auf dem Tablett präsentiert wird.

Iván Paley

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