Mit diesen Worten aus Rückerts „Liebesfrühling“, eine seiner Lieblingssammlungen, beginnt Robert Schumann die erste wirkliche kompositorische Zusammenarbeit mit seiner Frau Clara – die erste wirkliche, weil er seit seinen Anfängen mit der Klaviermusik Claras Melodien und Motive für seine Kompositionen benutzte, z. B. in den Impromptus op. 5 oder in den Variationen aus dem „Concert sans orchestre“. Es wird sogar behauptet, daß das Hauptthema von „Der Himmel hat eine Träne geweint“ von Clara stammen würde. Schumann insistierte mehrere Male gegenüber seiner Frau, daß sie endlich Lieder komponieren solle. Es dauerte allerdings eine längere Zeit, bis sie ihren Mann zu Weihnachten mit einigen Stücken überraschen konnte. Schumanns Begeisterung über diese Arbeiten führte möglicherweise zu diesem ersten gemeinsamen Projekt. In seiner Beziehung zu Clara hat Robert immer – unbewußt und bewußt – andere Rollen außer der des Ehemannes übernommen. Er hat seine Frau auch stets beschützen wollen; denn er war der Ältere und Gesetztere von beiden. Dieses Gefühl spüren wir auch im „Liebesfrühling“. Vielleicht sind Claras Lieder die „Perlen“, welche von Roberts Kompositionen umrahmt, quasi beschützt werden sollten. Die zwölf Lieder sind: „Der Himmel hat eine Träne geweint“ (Robert Schumann) „Er ist gekommen in Sturm und Regen“ (Clara Schumann) „O ihr Herren“ (Robert Schumann) „Liebst du um Schönheit“ (Clara Schumann) „Ich hab in mich gesogen“ (Robert Schumann) „Liebste, was kann denn uns scheiden?“ (Robert Schumann) „Schön ist das Fest des Lenzes“ (Robert Schumann) „Flügel! Flügel! um zu fliegen“ (Robert Schumann) „Rose, Meer und Sonne“ (Robert Schumann) „O Sonn', o Meer, o Rose“ (Robert Schumann) „Warum willst du andere fragen?”(Clara Schumann) „So wahr die Sonne scheinet“ (Robert Schumann)
Claras Stücke sind meisterhaft komponiert – mit pianistisch virtuosen Färbungen (wie z. B. in „Er ist gekommen in Sturm und Regen“), wo man die berühmte Pianistin Clara Wieck erkennt, oder empfindsamen, fast mendelssohnschen Klängen (in „ Warum willst du andere fragen“). Das vielleicht originellste und persönlichste Lied ist „Liebst du um Schönheit“, das sich interessanterweise vergleichen läßt mit Mahlers Vertonung, die in einer ganz anderen Atmosphäre, aber genauso wirkungsvoll und innig daherkommt. Die Duette vereinen Mann und Frau in einem sehr kurzen, aber intensiven musikalischen Abenteuer – das spielerische „Liebste, was kann denn uns scheiden“, das harmonisch-ländliche „Schön ist das Fest des Lenzes“ oder das gebethafte „So wahr die Sonne scheinet“ am Schluß. Man könnte den Zyklus „Liebesfrühling“ als ein musikalisches Ehetagebuch bezeichnen.
Die Mozart-Lieder darf man gleichfalls als „Perlen“ im Gesamtschaffen des Komponisten bezeichnen. „Als Luise die Briefe ihres ungetreuen Liebhabers verbrannte“ ist wie eine kompakte, ausdrucksstarke Opernminiatur, während „Abendempfindung an Laura“ eine der innigsten und fast schubertschen Liedkompositionen der Wiener Klassik darstellt.
Im zweiten Teil des Programmes stehen Balladen von Schumann, Loewe und Mahler. Die literarischen Interessen von Mahler und Schumann haben vieles gemeinsam, z. B. die Affinität zu Jean Paul. Man kann die Faszination für diesen Dichter nur verstehen, wenn man sich die Umgebungen, in denen beide Komponisten aufgewachsen sind, vor Augen führt. Ihre Balladen zeigen die Fähigkeit, emotionale Entwicklungen mit harmonischen Wendungen auszudrücken. Sie beweisen auch, wie sehr Schumann und Mahler die deutsche Tradition am Herzen liegt. Märchen und Geschichten waren Schumanns tägliches Brot, da er – im Gegensatz zu den anderen Kindern, die mit Spielzeug hantierten, – das Privileg genießen durfte, mit Büchern umgeben zu sein, da sein Vater August Schumann in Zwickau den Verlag der Gebrüder Schumann führte. ”Belsazar“ zeigt den Wechsel, die Übergangsphase vom „Klavierjahrzehnt“ zu dem sogenannten „Liedjahr 1840“. Diese Ballade ist sowohl pianistisch als auch sängerisch höchst anspruchsvoll und beweist Schumanns Bestreben, das Klavier nicht als bloßen Begleiter, sondern als solistisches Instrument, als ebenbürtigen Partner zu behandeln. Seinen Klavierstil hat er danach insofern geändert, daß er das Instrument zunehmend immer ökonomischer einsetzte, um seinen spezifischen, introvertierten Ton zum Ausdruck zu bringen.
Über Volkslieder Den letzten Teil des heutigen Programmes widmen wir Volksliedern von Brahms und Mahler. Beide Komponisten hatten die Liebe und Leidenschaft für die Volksliedtradition gemeinsam – Brahms mit seinen „Deutschen Volksliedern“, Mahler mit „Des Knaben Wunderhorn“. Das sind keineswegs oberflächliche Werke, sondern vielleicht sogar das Innigste, Tiefempfundenste, das die beiden Komponisten je geschaffen haben.
Iván Paley |